Jun 02 2010
Neon und Stern: Ein Thema, zwei Herangehensweisen
In der aktuellen Neon findet man den Artikel “Blut für die Welt“. Auf den ersten Blick ein Artikel, in der die Sinnhaftigkeit des Vegetarismus in Frage gestellt wird. Schaut man etwas genauer hin, geht es aber um Massentierhaltung und Monokulturen - genau darum geht es zufällig auch im Titelthema des aktuellen Stern mit dem Aufruf “Esst weniger Fleisch“. Doch während die Neon leider hauptsächlich sinnloses Vegetarier-Bashing betreibt, schafft es der Stern, ein paar echte Fakten zum Thema zu liefern und über die Folgen unserer Ernährungsweise aufzuklären.
Soviel vorweg: Keiner der beiden Artikel möchte den Konsumenten den Fleischkonsum absprechen. In beiden Artikeln steht jedoch die Massentierhaltung in der Kritik. Da ich den Massen-Veganismus für die kommenden Jahrzehnte für eher unrealistisch halte, erscheint es mir sinnvoll, mit der Massentierhaltung zumindest das größte Übel abzuschaffen. Der Stern erklärt eindrücklich, in welch vielfältiger Form sie der Umwelt schadet und weist auch darauf hin, dass sie ethisch schlichtweg nicht vertretbar ist. Daher die Aufforderung “Esst weniger Fleisch” - in meinen Augen absolut sinnvoll und der einzige Weg in die richtige Richtung, wenn wir unseren Planeten und die Lebewesen, die mit uns darauf leben, (und letztendlich auch uns selbst) nicht weiter in der jetzigen Form quälen wollen.
In der Neon schreibt dagegen eine Ex-Vegetarierin, die sämtlichen Gründen für eine vegetarische Ernährung (ethische Gründe ausgenommen) die Existenzberechtigung abspricht. Dass 1 Kilo Fleisch den Gegenwert von 16 Kilo Getreide hat, sei nur eine von vielen Einschätzungen, sie selbst glaubt lieber an 3,5 Kilo (immerhin trotzdem noch die 3,5-fache Menge). Außerdem würden wir ja das ganze Getreide und Soja, mit dem wir jetzt unsere Tiere füttern, nicht zu den hungernden Menschen schiffen und die könnten ja auch nicht den ganzen Tag Getreide essen, außerdem würde man damit die dortige Wirtschaft zerstören. Zudem würde das ganze Gemüse für die Vegetarier/Veganer in Monokulturen angebaut werden, was auch der Umwelt schadet. Außerdem würden die ganzen Soja-Produkte unter großem Energieaufwand erzeugt werden - nicht viel besser als echtes Fleisch. Und gesünder und länger leben würde man ohne Fleischprodukte erst recht nicht bzw. die Auswirkungen seien minimal und daher vernachlässigenswert.
Dass wir viel Viehfutter gerade aus Ländern mit hungernden Menschen importieren, lässt sie unerwähnt. Dass die Menschen sich dort also einfach das anbauen könnten, was sie essen möchten, was wiederum die dortige Wirtschaft ankurbelt und die Monokulturen, die dort derzeit für unser Viehfutter existieren, verringert, scheint sie nicht auf dem Plan zu haben. Den riesigen Wasserverbrauch für die Fleischproduktion lässt sie ganz unerwähnt. Kein Wort auch davon, dass 90% der Weltsoja-Ernte für Viehfutter draufgehen und große Mengen davon genmanipuliert sind (was das für Auswirkungen auf die Umwelt hat, wird wohl erst die Zeit zeigen).
Dass viel Gemüse aus dem Supermarkt aus riesigen Gewächshäusern in Spanien kommt, will ich gar nicht abstreiten. Ich will es erst recht nicht gutheißen. Nicht umsonst beschäftige ich mich neben Veganismus auch mit Themen wie Nachhaltigkeit und bewusstem Konsum. Ich halte es für absolut sinnvoll, so viele Produkte wie möglich und bezahlbar (und damit meine ich nicht nur Lebensmittel) aus der Region, aus fairem Handel und in Bio-Qualität zu beziehen. Im Idealfall würden wir alle unsere eigenen Lebensmittel anbauen, aber leider haben viele von uns heutzutage dazu keine Möglichkeit.
Mit dem Artikel in der Neon schießt die Autorin aber leider komplett am Ziel (= bewusster Konsum) vorbei. Wäre sie konsequent, dürfte sie ausschließlich Nahrungsmittel aus eigenem Anbau/aus eigener Haltung & Schlachtung essen und wäre zumindest auswärts Vegetarier (oder gibt es ein Restaurant, das eigene Tiere “artgerecht” züchtet und selbst schlachtet?). Entsprechend formuliert, wäre der Artikel also noch um einiges extremer als das, was viele Vegetarier/Veganer fordern. Stattdessen liefert er aber vielen Fleischessern eine passende Ausrede in Form von “Vegetarisch essen bringt ja sowieso nichts, bleibe ich also bei meinem bisherigen Konsumverhalten”.
Schade und für mich völlig unverständlich. Denn wie mir scheint, haben die Neon-Autorin, der Stern-Autor und ich durchaus ein gemeinsames Ziel: Mit bewussterem Konsum etwas gegen die Massentierhaltung und die Monokultur-Landwirtschaft tun. Der Stern schlägt eine sinnvolle Richtung ein, so langsam scheint das Thema die Massenmedien zu erreichen. Auch in der taz bin ich schon häufiger auf entsprechende Berichte gestoßen. Der Artikel in der Neon dagegen wird leider das Gegenteil bewirken und für viele Menschen eine Rechtfertigung darstellen, weiter so gleichgültig zu konsumieren wie bisher. War das wirklich nötig?
